Augenklinik
Prof. Hendrik Scholl, Prof. Christian Prünte, Dr. Norbert Spirig


Kennzahlen

2020 2019
Stationäre Fälle 576 672
Ambulante Patienten (Kontakte) 79'207 79'669
Tarmedpunkte (teilstationär & ambulant) 14'670'000 16'224'000
Patientenzufriedenheit ambulant 87.9% 86.6%

Die ambulanten Behandlungszahlen des Vorjahrs konnten dank Effizienzsteigerung und Flexibilität wieder erreicht werden. Dies trotz einer Reduktion von über 60 % in den sieben Wochen des ersten Lockdowns im Frühjahr. Tatsächlich zeigte eine Studie aus den USA, dass von allen medizinischen Fächern die Augenheilkunde durch die COVID-19-Krise am stärksten betroffene war (-84 % im April 2020 gegenüber dem Vorjahr). Unsere Station war über drei Monate (im ersten und zweiten Lockdown) geschlossen. Diese Zeit konnte nicht voll kompensiert werden. Aufgrund der Einführung von Pauschalen in der Tageschirurgie und bei den intravitrealen Injektionen wurde die Abrechnung nicht mehr über Tarmed-Taxpunkte durchgeführt. Daher reduzierte sich die Summe gegenüber 2019.

Highlights 2020

Bewältigung der COVID-19-Krise:

Erste Welle: Aufgrund der Massnahmen des Bundesrates musste die Augenklinik Mitte März den Betrieb stark reduzieren. Der ambulante Betrieb wurde auf die Behandlung von Notfällen, medizinisch dringlichen Eingriffen (intravitreale Injektionen und Medical Retina-Sprechstunde) und dringliche kurzfristige Termine beschränkt. Zudem wurde ein ärztlicher Telefondienst für tägliche Patientenanfragen eingerichtet. Da die Anästhesie des Unispitals Basel mit der Erweiterung der COVID-Stationen im Haupthaus ausgelastet war, wurde der OP-Trakt der Augenklinik gänzlich geschlossen und Notfalloperationen in das UKBB verschoben. Stationäre Patienten konnten für nicht-elektive Operationen und Behandlungen auf der Station der Frauenklinik hospitalisiert werden.

Zweite Welle: Während des zweiten Lockdown konnte der ambulante Betrieb durch die weniger einschneidenden Massnahmen weitgehend aufrecht erhalten werden. Insbesondere hat das Engagement des externen Anästhesiedienstleisters Rentanesth der Augenklinik ermöglicht, den eigenen OP-Betrieb weiterzuführen. Für die Versorgung der stationären Patienten konnte erneut auf die Unterstützung der Frauenklinik zurückgegriffen werden.

Engagement Rentanesth:

Im Frühjahr konnte der externe Anästhesie-Dienstleister Rentanesth für die Augenklinik engagiert werden. Dies ermöglicht eine effizientere Nutzung der Anästhesie-Ressourcen und entlastet die Anästhesie des Unispitals Baselan Wochentagen. Zudem kann die Augenklinik die OP-Planung aufgrund der service-orientierten Dienstleistung sehr flexibel gestalten. Die Zusammenarbeit mit Rentanesth, insbesondere während der zweiten Covid-19-Welle, bildete die Voraussetzung für die Fortsetzung des ambulanten OP-Betriebs der Augenklinik. 

Rollout mediSIGHT:

Die vor allem im ersten Lockdown freigewordene Ressourcen konnten zum Teil in die forcierte Einführung der ambulanten, elektronischen Patientenakte der Augenklinik (mediSIGHT) investiert werden. Tausende Daten wurden manuell aus alten Papierakten in mediSIGHT überführt. Im Juni konnte mit der Erfassung der ersten intravitrealen Injektionen begonnen werden, die erste Sprechstunde wurde im August in mediSIGHT betrieben. Jeden Monat kamen neue Sprechstunden dazu, so dass nun bis auf OP, Notfall und drei sehr spezialisierte Nischensprechstunden die komplette Augenklinik in mediSIGHT dokumentiert ist. Die Umsetzung wurde zwischenzeitlich durch Personalengpässe stark erschwert: Das Projektteam, welches beim Kick-off im 2018 noch aus acht Mitarbeitern und drei Leitern bestand, ist 2020 auf zwei Projektleiter und zwei Teilzeit-Mitarbeiter geschrumpft. Um den täglichen Betrieb in ICT und Augenklinik aufrecht erhalten zu können, wurde immer mehr Projektzeit gekürzt. Wir erwarten dennoch, dass die Dokumentation an der Augenklinik bis Ende 2021 vollständig digitalisiert sein wird.

Ausgewählte wissenschaftliche Ergebnisse Statusbericht IOB:

  • In Kooperation mit dem Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB) konnten im Jahr 2020 wesentliche Ergebnisse erzielt werden, die das Potential haben, neue Therapien in die Klinik zu bringen:
  • Dem Team von Cameron Cowan und Magdalena Renner ist es gelungen, aus menschlichen Hautzellen hoch organisierte, humane retinale Organoide in Kultur zu erzeugen. Dazu wurden Hautfibroblasten verwendet, die in pluripotente Stammzellen programmiert werden können. Nach einem speziellen Kulturprotokoll induzierten die IOB-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler einen Prozess, welcher sich praktisch nicht von der Augenentwicklung im lebenden Menschen unterscheidet. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten bildete sich ein Gewebe, das der menschlichen Netzhaut verblüffend ähnlich ist. Mit ihrer Arbeit gelang es den IOB-Forschenden, aus Stammzellen eine grosse Anzahl retinaler Organoide zu erzeugen, die nicht nur alle wichtigen Zelltypen der menschlichen Netzhaut enthalten, sondern auch in fünf Schichten angeordnet sind. Darüber hinaus besitzen die Photorezeptorzellen der Organoide ein hochentwickeltes äusseres Segment, das aus den Lichtsensoren besteht, die bei Krankheiten des Menschen oft geschädigt sind. Die retinalen Organoide konnten auch aus Hautfibroblasten von Patientinnen und Patienten generiert werden, die an bestimmten genetischen Krankheiten leiden. So können die Auswirkungen von Mutationen auf retinale Zellen direkt in einer Kulturschale untersucht werden. Ausserdem könnten verschiedene Therapien gezielt an patienteneigenen retinalen Organoiden getestet werden. Dies bedeutet auch, dass die Therapieentwicklung deutlich verkürzt und die Zahl an Tierexperimenten signifikant reduziert werden kann.
  • In einem Forschungsprojekt von Dasha Nelidova und Mitarbeitenden konnten Gold-Nanopartikel in nicht mehr funktionsfähige Zapfenphotorezeptoren von Mäusen eingebracht werden, und zwar mit Hilfe eines Antikörpers, der diese Nanopartikel an bestimmte Proteine (transient receptor potential [TRP] channels) binden kann. Ziel war, diese wärmeempfindlichen TRP-Proteine mit Hilfe der Infrarot-absorbierenden Gold-Nanopartikel anzusprechen, um damit bei blinden Organismen Sehleistungen im Infrarotbereich zu ermöglichen. Tatsächlich war es nach dieser Behandlung den blinden Mäusen möglich, visuelle Verhaltensaufgaben, die mit Infrarotlicht dargeboten wurden, erfolgreich zu absolvieren. Auch der Nachweis der durch Infrarotlicht ausgelösten Signale in der aufsteigenden Sehbahn bis zur Sehrinde im Gehirn konnte durch eine spezielle Bildgebung erbracht werden. Der Nachweis, dass dies auch beim menschlichen Auge möglich ist, wurde in Zapfenphotorezeptoren von Spender-Augen erbracht. Damit stellt diese Arbeit einen wesentlichen Durchbruch eines Verfahrens dar, das die wärmeempfindlichen Rezeptoren der Netzhäute von Wirbeltieren für die Übermittlung von infrarotgenerierten Bildern ermöglicht.

Ausgewählte Wissenschaftspreise des Jahres 2020:

  • Paul Henkind Memorial Award an Hendrik Scholl
  • Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft an Botond Roska
  • Science & SciLifeLab Prize for Young Scientists und Pfizer Research Prize an Dasha Nelidova

Ausblick 2021

Im Jahr 2021 wird die vollständige Einführung der ambulanten elektronischen Patientenakte (mediSIGHT) erwartet und damit wird die vollständige digitale Dokumentation der Krankenversorgung in der Augenklinik Realität. 

Die Augenklinik Basel ist das einzige exklusive Behandlungszentrum der Schweiz für die neue Gentherapie für RPE65-assoziierte Netzhautdystrophie. Nach der Zertifizierung im Jahr 2020 erwarten wir in 2021 die ersten Behandlungen.
Nach erfolgreicher Machbarkeitsstudie eines gemeinsamen Neubaus von Augenklinik und IOB erwarten wir im Jahr 2021 die nächste Phase der Realisierung.

Unter den zahlreichen Projekten, die derzeit in Kooperation mit dem IOB von 16 Forschungsgruppen und Technologieplattformen durchgeführt werden, werden im Jahr 2021 besonders für die translationalen Projekte «Wiederherstellung des Sehens bei kompletter Blindheit aufgrund erblicher Netzhautdystrophien mittels Optogenetik» und «Base Editing bei der Stargardt-Erkrankung» die abschliessenden Ergebnisse erwartet, um erstmals im Menschen klinische Interventionsstudien zu starten.

Ausgewählte Publikationen

  • Cowan CS, Renner M, De Gennaro M, Gross-Scherf B, Goldblum D, Hou Y, Munz M, Rodrigues TM, Krol J, Szikra T, Cuttat R, Waldt A, Papasaikas P, Diggelmann R, Patino-Alvarez CP, Galliker P, Spirig SE, Pavlinic D, Gerber-Hollbach N, Schuierer S, Srdanovic A, Balogh M, Panero R, Kusnyerik A, Szabo A, Stadler MB, Orgül S, Picelli S, Hasler PW, Hierlemann A, Scholl HPN, Roma G, Nigsch F, Roska B. Cell Types of the Human Retina and Its Organoids at Single-Cell Resolution. Cell. 2020 Sep;182 (6): 1623-1640.e34. Available from: https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.08.013.
  • Nelidova D, Morikawa RK, Cowan CS, Raics Z, Goldblum D, Scholl HPN, Szikra T, Szabo A, Hillier D, Roska B. Restoring light sensitivity using tunable near-infrared sensors. Science. 2020 Jun; 368 (6495): 1108-1113. Available from: https://science.sciencemag.org/content/368/6495/1108. DOI: 10.1126/science.aaz5887
  • Schönbach EM, Strauss RW, Muñoz B, Wolfson Y, Ibrahim MA, Birch DG, Zrenner E, Sunness JS, Ip MS, Sadda SR, West SK, Scholl HPN. Longitudinal Microperimetric Changes of Macular Sensitivity in Stargardt Disease After 12 Months: ProgStar Report No. 13. JAMA Ophthalmol. 2020 May;138(7): 772-779. doi: 10.1001/jamaophthalmol.2020. 1735
  • Maloca PM, Faludi B, Zelechowski M, Jud C, Vollmar T, Hug S, Müller PL, Ramos de Carvalho E, Zarranz Ventura J, Reich M, Lange C, Egan C, Tufail A, Hasler PW, Scholl HPN, Cattin PC. Validation of virtual reality orbitometry bridges digital and physical worlds. Sci Rep. 2020 Jul;10 (11815). Available from: https://www.nature.com/articles/s41598-020-68867-6. https://doi.org/10.1038/s41598-020-68867-6
  • Hanany M, Rivolta C, Sharon D. Worldwide carrier frequency and genetic prevalence of autosomal recessive inherited retinal diseases. Proc Natl Acad Sci U S A. 2020 Feb;117 (5): 2710-2716. Available from: https://www.nature.com/articles/s41598-020-68867-6. https://doi.org/10.1073/pnas.1913179117